Vielleicht haben einige von euch schonmal was von diesem seltsamen Wort gehört: „Atavismus“.

„Auf Schlau“

Was zur Hölle soll das sein? Klingt abgehoben. Und ist es auch 😉 Denn dieser Begriff bezeichnet nichts anderes als „Rückschlag“ – „Atavismus“ eben („Auf Schlau“, wie wir Biologen sagen^^). Was bedeutet das nun konkret?

Dieser „Rückschlag“ meint, dass bestimmte Merkmale eines Organismus plötzlich exakt wie in einer weit zurückreichenden Ahnengeneration ausgebildet sind. Beim Pferd wäre das zum Beispiel die Dreihufigkeit, da Pferde von genau solchen dreihufigen Ahnen abstammen. Beispiel für uns: Ein Vertreter einer schlanken, sportlichen Rasse entwickelt sich zu einem schweren, langsamen Tier – wie sein Ahn vor 150 Jahren. Da nehme ich gern unseren Deutsch-Kurzhaar zur Veranschaulichung: Diese Rasse stammt von „Hektor I“ ab, einem schwerfälligen Hund mit Neigung zu wenig Ausdauer.

Atavismen sind nicht nur körperlich ausgeprägt

Daneben gibt es auch sogenannte „Verhaltens-Atavismen“. Hier fällt mir zum Beispiel sofort das Gras-Fressen unserer Hunde ein: Das ist ein Erbe des Wolfes. Gemeint ist nicht die Grasaufnahme, um sich zu erbrechen, sondern das Grünzeug-Futtern „zum Spaß“. Oder, um Vitamine und Mineralstoffe aufzunehmen. Wer weiß das schon? Jedenfalls wird dieses Verhalten gern unter dem Begriff „Atavismus“ geführt.

Corrie futtert so gern Gras, dass wir sie schon manchmal als „Kuh“ bezeichnen – ein Braunvieh, sozusagen 😉 Und sie erbricht sich danach längst nicht immer.

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X-Dogs

Manche Atavismen sind auf Mutationen zurückzuführen, die das Erbgut so verändern, dass es wieder zum ursprünglichen Ahnenmerkmal wird. Das nennt man dann „Rückmutation“. Ein ziemlicher Zufall, oder? Das ist auch ein Grund, warum Atavismen so selten sind. Aber es gibt sie! Doch Gene werden nicht nur codiert: Es gibt auch Rezepte, die sagen, wie ein Gen behandelt („übersetzt“) werden muss, um das Protein (= Merkmal) auszubilden. Also beispielsweise, wie schnell oder langsam es übersetzt werden soll. Mutationen können diese Rezepte dann so verändern, dass aus dem Gen ein Merkmal wie in der Ahnengeneration entsteht. Verrückt! Hier sprechen wir von einer Veränderung der Genregulation.

Die Hybride

So einen Rückschlag kann es auch geben, wenn sich zwei Eltern unterschiedlicher Arten oder Gattungen erfolgreich kreuzen. Das nennt man dann „Bastardierung“. Das ergibt dann natürlich bunte Genkombinationen, von denen unter Umständen eine ein Merkmal der Ahnengeneration ausprägen kann.

Atavismen durch Fehlbildungen vor der Geburt

Zu guter Letzt kann ein Atavismus auch durch eine sogenannte „Hemmungsmissbildung“ entstehen, das heißt eine Fehlbildung während der Embryonalentwicklung. Was ist konkret gemeint? Nun, ein Organ durchläuft während seiner Entwicklung verschiedene Stadien. Diese sind zu Beginn oft … sagen wir, „fischähnlich“ oder amphibienartig.

Wird es dann durch verschiedene Störungen an seiner weiteren Entwicklung gehindert, verbleibt das Organ in diesem Zustand. Damit verkörpert es dann sozusagen die Entwicklungsform der Urahn-Art. Beim Menschen wären das zum Beispiel die Halsfisteln: Kiemenspalten! Diese kommen vom sogenannten „Kiemendarm“, der während der Embryonalentwicklung angelegt wurde.

All dies sollte uns Anlass zur Überlegung geben, inwieweit beispielsweise die Behandlung der Mutterhündin während der Tragzeit Einfluss auf die Entwicklung der Welpen nimmt. In diesem Artikel habe ich bereits die Bedeutung der Epigenetik vorgestellt: Umwelteinflüsse können das Erbgut verändern. Vielleicht auch so, dass das Ganze eines Tages Atavismen hervorrufen kann? Was denkt ihr? Wäre das möglich?

 

Eine ergänzende Quelle:

http://www.spektrum.de/lexikon/biologie/atavismus/5710