Wir Züchter kennen die Debatte um das Thema „Inzucht oder Fremdzucht“. Und wir alle kennen wahrscheinlich Zwinger, in denen sowohl das eine wie das andere genutzt wird. Ohne Namen zu verraten, weiß ich von einem Zwinger, der von der Inzucht stark Gebrauch gemacht hat – mit dem Ergebnis, dass man ihn liebte oder hasste. Dazwischen gab es nichts.

Zweiköpfige Welpen mit drei Augen?

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Inzucht: die Anpaarung eng verwandter Elternteile und für viele ein rotes Tuch. Nüchtern betrachtet, ist das Ziel das Hervorrufen von Reinerbigkeit, was zu einer verstärkten Verankerung bereits vorhandener Eigenschaften führt. Soweit die Theorie. Was hat das nun für Folgen?

Am bekanntesten sind all die negativen Konsequenzen: Uns geistern Bilder von missgebildeten Hunden im Kopf herum, mit verkrüppelten Beinen und einem dritten Ohr. Ehrlicherweise muss man sagen, dass solch drastische Folgen seltener sind, als man denkt. Und dennoch: schlechte Eigenschaften (zum Beispiel Erbkrankheiten) können durch Inzucht reinerbig werden und sich bei den Nachkommen manifestieren. Der emotionslose Betrachter sieht darin den Vorteil, dass so bisher unsichtbare Defizite zutage treten – was allerdings auf Kosten der Tiere geht.

Auf der anderen Seite kann eine gewünschte Veranlagung, zum Beispiel der Spurlaut bei Jagdhunden, genauso gefestigt werden; Eine Tatsache die manch einen Züchter zur Inzucht greifen lässt.

Viele Rassen konnten erst durch Inzucht entstehen, da so schneller ein großes Gesamtpaket an gewünschten Eigenschaften auf einmal gefestigt werden konnte.

Vor- und Nachteile gehen Hand in Hand

Meistens kommen die Vor- und Nachteile der Inzucht gekoppelt daher. Es gibt Gerüchte von Züchtern, die ihre Tiere so lange behalten, bis deren Eigenschaften sich herausbilden – und den Wurf dann entsprechend dezimieren. Alles Unkenrufe? Ich hab keine Ahnung ob das stimmt, aber der Mensch ist ja zu allem fähig.

Ist Fremdzucht besser?

Fremdzucht: dies ist die „sichere“ Variante, eine Anpaarung nicht verwandter Elterntiere. Vorteil gegenüber der Inzucht ist natürlich, dass unerwünschte Eigenschaften sich nicht zwingend festigen. „Nicht zwingend“ ist hier das Stichwort, denn ein Restrisiko bleibt: vielleicht haben beide Elternteile zufällig denselben (unter Umständen rezessiven) Gendefekt? Dann tritt dieser mit Sicherheit bei den Nachkommen auf. Unstrittiger Pluspunkt der Fremdzucht ist jedoch die Erweiterung des Genpools, was zur Gesundheit der  Rasse beiträgt.

Ein weiterer Vor- und zugleich Nachteil: Der Eintrag neuer Eigenschaften – positiver ebenso wie negativer. Die Fremdzucht gibt uns die Möglichkeit, unserer Mutterlinie neue Eigenschaften hinzuzufügen, zum Beispiel eine stabilere Statur der Welpen. Wenn allerdings gleichzeitig eine Veranlagung für den Rückbiss mitkommt, hat sich der Vorteil relativiert.

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Die Kunst der Zucht

Hier liegt die Kunst des Züchtens und der Wert eines erfahrenen alten Hasen: Wer von der Fremdzucht Gebrauch macht, muss so umfassende Kenntnisse zu den Elterntieren haben wie irgend möglich, um den Eintrag unerwünschter Eigenschaften zu minimieren. Das Problem ist hier meistens der Rüde (sorry, Jungs ;)), denn die meisten Züchter kennen diesen nicht „persönlich“. Von größtem Wert ist deshalb die Kenntnis darum, wie der Rüde sich bei seinen Nachkommen vererbt hat. Wir Züchter dürfen uns da eine Reihe Fragen stellen:

Gab es unter den Nachkommen HD/ED/OCD?
Traten Zahnfehler auf?
Gab es Wesensschwächen?
… Oder gar Epilepsie?
Wie vererbt der Rüde sein Wesen?
Wie vererbt er seine Statur und Farbe?

Die Liste ließe sich ewig fortführen. Und damit nicht genug: Dies alles muss nun in Kombination zur Mutterhündin gesetzt werden. In welchen Bereichen vererbt sie sich stark? Wo könnte es zu Komplikationen kommen?

Bei uns ist es beispielsweise so, dass all unsere Hündinnen eine starke Statur und den typischen „Peenestromer-Kopf“ vererben. Es liegt nahe, dass sie dafür reinerbig sind. Ein schlankerer Rüde macht sich äußerlich bei den Welpen kaum bemerkbar. Ein ebenfalls starker Rüde führt zu noch robusteren Nachkommen. Paradebeispiel dafür ist unser Hunter, Corries Sohnemann.

Auch Fremdzucht erfordert Fingerspitzengefühl

Ein wichtiger Punkt in der Fremdzucht ist also, dass diese sorgfältig recherchiert sein will. Rezessive Eigenschaften können da echt hinterhältig sein: Ist deine Hündin reinerbig für ein Scherengebiss, der Rüde mischerbig für eine Zange, so werden die Welpen höchstwahrscheinlich eine Schere haben, einige jedoch rezessiv Träger der Zange sein. Auf diese Weise können sich auch unbemerkt Krankheiten verbreiten, doch das ist ein Problem, das sich kaum verhindern lässt. Deshalb schreiben zum Glück viele Vereine vor, dass ein Rüde oder eine Hündin von der Zucht ausgeschlossen werden, sobald sie Nachkommen beispielsweise mit Epilepsie gebracht haben.

Auch Inzucht hat ihre Daseinsberechtigung

Insgesamt ist zu sagen, dass der Fremdzucht in der Regel der Vorzug gegeben werden sollte, allein schon aus Gründen der Erweiterung des Genpools und der Gesundheit. Eine allgemeine Verteufelung der Inzucht finde ich jedoch auch unangebracht. Sehr selten und wohlüberlegt eingesetzt, kann sie beispielsweise bei der Festigung selten auftretender Eigenschaften helfen. Trotzdem sollte dies eine Ausnahme bleiben und meiner Meinung nach über höchstens eine Generation erfolgen.

Ein in diesem Zusammenhang sehr lesenswerter Artikel ist dieser hier!